Unter dem Jademond

1.
Die Rothaarige war zum Anbeißen. Wenn sie sich bückte,
in ihrem engen, knielangen Rock, sah das unheimlich sexy
aus. Wie gerade jetzt. Sie bemühte sich um Brookes Nachbarn
zur Linken, einen blassen Spießer, und streckte Brooke
dabei den knackigen kleinen Hintern in Höhe der Augen
entgegen. In Höhe sämtlicher Sinnesorgane. Wenn sie noch
einen halben Schritt zurückwich, würden sie einander auf erfreuliche
Weise näherkommen. Aber vermutlich befand sich
Brooke ohnehin schon im Dunstkreis ihrer Pheromone. Das
konnte in Flugzeuggängen durchaus vorkommen, auch first
class bei British Airways. Menschen mit Berührungsängsten
sollten definitiv ein anderes Transportmittel wählen. Einen
Fischkutter etwa, dann würde sich das Problem von allein
erledigen.
Es wurde eng. Richtig eng.
Dann rauschte die Rothaarige wieder ab. Nun ja, der
blasse Typ, ein vom Leben besonders Enttäuschter, dessen
Brille mit Goldrand nicht einmal verrutscht war, hatte es
bestimmt nötiger als sie. Ihr selber wären die knackigen Pobacken
eines Kerls ohnehin lieber, seufzte Brooke und widmete
sich wieder ihren Unterlagen.
„Liu Hannigan Li. Mutter Engländerin, alte Kolonialfamilie,
Vater Hongkongchinese“, las sie. Das klang nach verstaubter
britischer Empire-Romantik, nach träge rotierenden Deckenventilatoren
in der schwülen, Gin geschwängerten Luft
abgedunkelter Räume, nach vorbeiknatternden schwarzen
Taxis und weiß gekleideten Männern mit langen Zigarren.
Brooke schloss die Augen und ließ das Blatt sinken.
„Haben Sie noch einen Wunsch, Miss Gardner?“
Das Lächeln der rothaarigen Stewardess war professionell,
aber nicht ehrlich. Und so würde es wohl auch in den
kommenden Wochen und Monaten sein, im Land des Lächelns.
Auf beiden Seiten. Dabei hasste sie Heuchelei. Genau
genommen Falschheit und Feigheit. Und dennoch. Sie
hatte den Auftrag angenommen. Sie würde Liu Hannigan Li
bespitzeln.
Nickend bedeutete sie der Stewardess, dass sie das Speisetablett
abräumen könne. Immerhin first class. Es hätte
schlimmer kommen können.
Wie jenseits der Trennwand etwa. Die graue Wand separierte
Welten. Dahinter waren in Sardinendosenmanier neun
Sitze in eine Reihe gepresst – ihr eigener Sitz dagegen, ausladend
wie ein Fauteuil, war einer von lediglich vieren.
Im vollen Bewusstsein dieses räumlichen Luxus machte
sie es sich gemütlich und warf einen erneuten Blick in die
Unterlagen. Jane hatte ihr die wichtigsten Daten über Hongkong,
den dortigen Ableger ihrer Bank, den Kontaktmann
William Cohen sowie den Geschäftsführer zusammengestellt.
Unregelmäßigkeiten bei der Wertpapierabwicklung
waren ihr einziger Anhaltspunkt. In den wenigen Tagen vor
ihrer hektischen Abreise – die Blumen unterzubringen, war
kein Problem gewesen, aber ihrer launischen Katze wollte
sich niemand annehmen – hatte sie keine Zeit gefunden, sich
mit allen Einzelheiten des Falls vertraut zu machen. Hongkong.
Allein der Name klang verlockend. Nein, nicht verlockend,
sondern abenteuerlich. Das hier war keine nächtliche
Bootsfahrt auf dem Loch Ness, kein Surfen um Mitternacht
im Atlantik. Diese Reise versprach Erlebnisse einer anderen
Größenordnung. Woher die plötzliche Abenteuerlust kam,
konnte sie sich nicht erklären. Nie wäre ihr bis dahin in den
Sinn gekommen, die Geschäfte eines Bankdirektors auszuspionieren.
Noch dazu in Fernost!
China. Seufzend steckte sie sich eine goldbraune Locke
hinters Ohr. Gestern hatte sie sich beim Friseur noch
zwei Stunden lang für ihre goldenen Strähnchen quälen lassen
… Das Land des Lächelns, wenn auch Hongkong eine
Welt für sich war: schnell, laut und überfüllt. Gut, sie lebte
in London, einer Metropole am Puls der Zeit. Darüber hinaus
war sie, abgesehen von Urlauben in Frankreich und
Spanien, noch nicht großartig herumgekommen. Jedenfalls
nicht nach Asien. Wie gut, dass jeder dort Englisch sprach.
„‚Hongkong‘“, las sie und gähnte, „bezeichnet die Sonderverwaltungszone
an der Südküste der Volksrepublik China
und bedeutet ‚Duftender Hafen‘.“
Die gute Jane. Sie hätte sie gerne mitgenommen.
Ihr Blick streifte ihre Armbanduhr. Noch neun lange
Stunden, bis sie auf dem neuen Flughafen „Chek Lap Kok“
landen würden! Langsam sollte sie ihre Uhr vorstellen, Hongkong
lag in der Zeitzone UTC+8, das hatte Jane am Rand
mit Rotstift vermerkt. Demnach war es dort noch nicht einmal
Mitternacht. Dennoch. Sie sollte versuchen zu schlafen,
denn der Flieger landete frühmorgens, und sie hatte einen
anstrengenden Tag vor sich. Sie sah sich um. Erst wenige Passagiere
hatten es sich auf den geräumigen Fauteuils bequem

gemacht, die meisten lasen oder sahen fern. Jetzt hätte sie
sich gerne die Füße vertreten, ein Fenster ihres netten Zweizimmerapartments
geöffnet und ihren Blick über die alten
Dächer der Prince Jacob Street schweifen lassen. Stattdessen
streckte sie die Beine von sich, rollte die Schultern und ließ
den Kopf kreisen. Gähnend suchte sie sich eine gemütlichere
Position und nahm dann Janes Informationen wieder zur
Hand. Vielleicht half ein Tee. Ja, ein Tee wäre jetzt fein.
Zwei Sitzreihen hinter ihr kümmerten sich die beiden
Flugbegleiterinnen hingebungsvoll um zwei Manager in
Armani-Montur, was diese in ihrem gockelhaften Verhalten
noch zu bestärken schien. Offensichtlich waren sie die pflegeintensivsten
Fluggäste, da die vielversprechend lächelnde
Rothaarige die meiste Zeit mit ihnen beschäftigt war. Brooke
reckte sich und machte sich mit einem Hüsteln bemerkbar.
Die beiden Damen aber blieben demgegenüber erstaunlich
unbeeindruckt. Manchmal kam man ja mit Schmeicheleien
weiter. Hier nicht. Erst als sie ein übergeschlagenes Bein in
provozierender Weise in den Gang pendeln ließ, just als die
Rothaarige an ihr vorbeieilen wollte, konnte sie deren Aufmerksamkeit
lange genug fesseln, um den Tee zu ordern.
Mit einem Lächeln wurde ihr ein „Oolong“ serviert, vermutlich
gedacht als stilechte Einstimmung auf das Reich
der Mitte. Brooke vertiefte sich wieder in ihre Unterlagen.
Das an der Mündung des Perlflusses auf einer Halbinsel und
über zweihundert Inseln verstreut gelegene Territorium war
bis vor sieben Jahren britische Kronkolonie gewesen und
vertragsgemäß am 1. Juli 1997 an China zurückgegeben worden
… Brooke blätterte weiter bis zu dem etwas unscharfen
Schwarz-Weiß-Foto des Geschäftsführers. Darunter stand:
„Oliver Liu Hannigan Li“, und daneben, in fetten Lettern:
„hochintelligent, ungeheures Charisma, höchst gefährlich“.
Brooke lächelte. Gefährlich sah er auf dem Foto nicht aus.
Aber exotisch. Obwohl … da war etwas in den dunklen, von
geraden Brauen beschatteten, leicht asiatisch geschnittenen
Augen und um den breiten vollen Mund. Etwas Exzentrisches,
das ihm Charakter verlieh. Bilder diverser Eroberer
kamen ihr in den Sinn, aus dem antiken Griechenland oder
dem alten Rom, sie konnte es nicht sagen. Jedenfalls hatte
dort jener leichte Hauch von Wahn so manchem Kandidaten
zum Sieg verholfen … Was war los, träumte sie? Hannigan
war doch nur ein Banker. Und es war noch nicht einmal bewiesen,
dass er in die eigene Tasche wirtschaftete. Schließlich
sollte sie genau das ja erst herausfinden.
Ansonsten gab es über den Geschäftsführer nur spärliche
Informationen. Neununddreißig Jahre alt, Erlangung
des „Master of Laws“ an der „University of Cambridge“ in
London, mit der Spezialisierung „Internationales Bankenund
Finanzrecht“, dann ein Volkswirtschaftsstudium an der
„Chinese University of Hong Kong“.
Sie selbst hatte vor acht Jahren ihren Master im Finanzwesen
an der „London School of Economics and Political
Science“ absolviert. Ein exzellentes Abgangszeugnis sowie
der glückliche Zufall eines plötzlichen Auslandsaufenthaltes
eines Kollegen hatten sie wenig später zur „British Trade
Bank“ geführt. Nun allerdings bewarb sie sich für die ausgeschriebene
Stelle einer Buchhalterin in Hannigans Bank, der
Tochter der „BTB“-Zentrale in London, für die sie zwar als

erfolgreiche Finanzexpertin überqualifiziert war, durch die
sie aber Einblick in die Bilanzen erhalten sollte – sofern es
ihr gelang, in die Abteilungen „Wertpapierverwaltung“, „Private
Banking“ oder „Innenrevision“ vorzudringen. Sorgfältig
gefälschte Zeugnisse anderer Banken hatten sie wärmstens
empfohlen und eine persönliche Vorsprache ermöglicht.
In wenigen Stunden, um zwölf Uhr mittags, würde sie ihm,
Hannigan, gegenüberstehen.
Brooke ließ das Blatt sinken und sah sich nach einer der
Stewardessen um. Die Rothaarige saß vor dem Eingang zu
ihrer Kabine. Das Interesse der Armani-Kleiderständer an
weiteren Nettigkeiten war inzwischen erloschen, und in der
Kabine hatte sich eine allgemeine Müdigkeit breitgemacht –
der auch die beiden Hübschen entgegen den Vorschriften
und, wie sie meinten, unbemerkt nachgaben. Offensichtlich
schob die Rothaarige die erste Wache. Ihrem teilnahmslosen
Gesicht nach zu urteilen, war die Frau entweder noch dümmer,
als Brooke gedacht hatte, oder sie schlief mit offenen
Augen. Möglicherweise erlernte man das in diesem Beruf
zwangsläufig. Als Brooke läutete, kam die Kollegin der Rothaarigen
und holte das Teegeschirr ab. Brooke blickte in gerötete
Augen und hätte sich beinahe für die Ruhestörung
entschuldigt. Entschlossen packte sie ihre Unterlagen in
ihre Bordtasche und machte es sich unter einer flauschigen
Decke bequem. Bevor sie wegdämmerte, sah sie im Geiste
Jimmy winkend hinter der Absperrung der Gepäckkontrolle
stehen. Er hatte sie nach Heathrow gefahren, denn sie
waren auch nach ihrer Trennung noch Freunde geblieben,
obwohl oder gerade weil ihre Beziehung nur so kurz gedauert
hatte. Jimmy. Zu wenig Sex, obwohl er herrlich gebaut
war. Dafür durchdiskutierte Nächte, Greenpeace-Nachmittage
und Selbstfindungs-Wochenenden zuhauf. Nichts, was
sie wirklich vermisste.

 

...

 

Als sie aus dem Bad kam, trat er lächelnd auf sie zu.
„Mach du es. Ich möchte dir dabei zusehen.“ Er nahm sie an
der Hand und führte sie in ein angrenzendes, überraschend
großes Zimmer.
Orangerot leuchtende Trockengestecke von entblätterten
blühenden Physalisruten in tönernen Vasen belebten den

Raum und flankierten ein in der Mitte stehendes schlichtes
Einzelbett. Nicht ganz die schmale Garnisonsliege, aber entschieden
zölibatär. Doch mit einem Handgriff klappte er die
Liege auseinander und verwandelte sie in ein komfortables
niederes Doppelbett. Dann warf er sich in erwartungsvoller
Pose auf die Matratze. Unter dem Kimono war er eindeutig
nackt.
„Mach es langsam, Brooke. Bitte.“ Seine Stimme vibrierte
vor Erregung.
Ihre Hände zitterten leicht, als sie ihren Gürtel öffnete.
Vom Champagner animiert, warf sie ihn lässig zur Seite. Die
Bluse hatte mehrere Knöpfe, die sie langsam, einen nach dem
anderen öffnete, während sie ihre Mähne lasziv hochhob
und sich mit der Zunge sinnlich über die Lippen fuhr. Die
Hotelszene in dem Film „True Lies“ kam ihr in den Sinn, sie
hatte auch ungefähr dieselbe Figur wie Jamie Lee Curtis. Na
ja, mit etwas weniger Busen vielleicht.
Es fiel die Bluse, dann der Rock. Ein Dutzend gelber Kerzen
spiegelte sich in Lius schwarzer Iris, die vor Erwartung
glänzte. Für einen Moment schloss er die Augen und stöhnte
leise. Brooke drehte ihm den Rücken zu, wiegte sich leicht
in den Hüften und öffnete den schwarzen BH. Achtlos warf
sie ihn zu Boden und wirbelte herum. Die Spitzen ihrer dunkelgoldenen
Haarsträhnen bedeckten die Brustwarzen. Sie
trug nur noch den schwarzen Tanga.
„Halt!“, raunte Liu matt und sprang auf. „Mach es dir
nun bequem.“ Dafür, dass sie keine Übung im Strippen hatte,
hatte sie es ganz gut hinbekommen. Zu gut. Die Qualen, die
ihm sein harter Schwanz bereitete, waren kaum noch zu ertragen.
Allein ihre langen, göttlichen Beine und die beiden
festen Rundungen entfesselten den unbändigen Wunsch, die
Massage zu überspringen und auf der Stelle über sie herzufallen
Er breitete ein samtenes Badetuch mit floralem Muster
über das Bett und griff nach dem Öl.
Träge und vom Champagner leicht beschwipst, überließ
sie ihren Körper seinen Händen, die sie zunächst massierten,
sie kneteten, strafften und drückten, um dann ganz
allmählich und beinahe unmerklich in eine andere Spielart
überzugehen. Bald fanden seine Finger erogene Zonen, die
sie selbst noch nicht kannte, zwischen Fingern und Zehen,
in den Kniekehlen und an den Hinterseiten der Schenkel.
Wie zufällig streiften sie den feuchten Stoff ihres Tangas,
dort, wo sich all ihre Lust konzentrierte. Brooke spreizte
die Beine etwas weiter. Das warme, leicht parfümierte Öl
kroch in jede Ritze ihres Körpers, verwandelte ihre Haut
in eine duftende Wiese, auf der seine Finger spielten. Dann
hockte er sich zwischen ihre Schenkel, und massierte ihren
Rücken. Immer wieder strich er von der zarten Haut unterhalb
der Achselhöhlen abwärts über die äußeren Rundungen
ihrer Brüste. Brooke stöhnte auf. Sein hartes Glied berührte
durch den dünnen Stoff immer öfter ihre Pobacken
und Schenkel. Flüchtig und doch gebieterisch. Irgendwann
beugte er sich hinab und hauchte an ihr Ohr: „Komm, dreh
dich um.“
Sie drehte sich auf den Rücken. Lius Oberkörper war
nackt, sein Kimono war über die Schultern gerutscht und
wurde nur noch vom Gürtel zusammengehalten. Die breite
Brust war nur spärlich behaart, glatt und fest. Während er

sich neben ihr kniete, betrachtete sie das geschmeidige Spiel
seiner Muskeln. Konzentriert bearbeitete er ihren Unterbauch
mit verschiedenen Yin-Yang-Grifftechniken, wohl
um das im Beckenbereich angesiedelte Sakral-Chakra und
das darunterliegende Wurzel-Chakra anzuregen. So weit
kannte sie sich aus. Jede seiner Berührungen war irritierend
für sie, es war keine Massage, wie sie sie kannte. Die Berührungen
um den Nabel waren besonders erotisierend. Stöhnend
schloss sie die Augen. Die anschließende Massage ihrer
Brüste füllte ihre Adern mit Feuer. Kreisend arbeiteten sich
seine geschickten Finger von außen langsam zur Mitte vor,
wobei sie akribisch das weiche Gewebe kneteten, es drückten
und rollten, bis sie schließlich die prallen roten Beeren erreichten
und leicht daran zupften. Dann beugte er sich hinab
und umschloss eine der Knospen mit seinen Lippen. Schauer
liefen Brooke über den Rücken, und Blitze durchzuckten
ihr Becken, konzentrierten sich dort, wo jetzt all ihr Denken
und Fühlen war. Sein Mund wanderte tiefer, seine Zähne
fassten nach dem Tanga und zerrten ihn über ihre Scham.
Sie hob ihr Becken, und seine Finger streiften den feuchten
Stoff über ihre Pobacken.